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Die Vernunft

Es gibt zwei gefährliche Abwege: die Vernunft schlechthin abzulegen und außer der Vernunft nichts anzuerkennen.

Es ist schon ein Kreuz mit der Vernunft. Das hat schon Blaise Pascal, der französische Mathematiker, Physiker und Philosoph aus dem 17. Jahrhundert treffend erkannt, wie sein Zitat oben zeigt.

Einerseits möchte heute niemand mehr ernsthaft bestreiten, wie wichtig es ist, mit Vernunft zu handeln. Niemand möchte schließlich zurück in die “selbstverschuldete Unmündigkeit”, wie es Kant nannte. Zum Glück hat die Vernunft seit der Aufklärung kontinuierlich ihren Platz bei den Menschen gefunden. Was passiert, wenn der Vernunft nicht genügend Raum eingeräumt wird, sehen wir auch heute noch: in fundamentalistischen Strömungen, seien sie christlich oder muslimisch, oder in irren Ideologien wie Scientology.

Andererseits haben wir gerade heute auch mit der Gegenseite zu tun: Die Vernunft, die (Natur-)Wissenschaft und die Empirie, kurz: die ratio, wird zum Ideal stilisiert. Alles in der Welt muss rationell betrachtet werden, unsere gesamte Existenz ist messbar, erforschbar, berechenbar. Alles Irrationale hat dem wissenschaftlich-kritischen Blick zu weichen. In dem neuen radikalen Atheismus dieser Zeit, wie ihn Dawkins & Co. vertreten, findet diese Auffassung auch weltanschaulich ihren Ort: Die allmächtige Vernunft beherrscht sämtliches Denken. Doch wenn die Vernunft zum Dogma, zum unverrücklichen Diktum wird, ist nichts gewonnen, sondern im Endeffekt reisen wir zurück ins Mittelalter: Das Vernunftsdogma ersetzt die kirchlichen Dogmen und verbietet jegliche Kritik an der gedanklichen Voraussetzung: Nämlich, dass alles Sein rationell erfassbar wäre! Unter dem Schein des selbstständigen, mündigen Denkens macht man hier einen Schritt vor und dabei zwei zurück. Und das Schlimmste: Viele der selbsternannten “Humanisten” merken noch nicht einmal, dass sie eine Weltanschauung wie alle anderen auch haben und dass sie mit ihrem Vernunfts-Wahn eine unserer größten Errungenschaften zu Nichte machen: Die (positive und negative) Religions-(Weltanschauungs-)Freiheit!

Was heißt das nun für uns? Ich denke, grade wir Protestanten neigen dazu, alles mit dem Kopf lösen zu wollen. Das ist historisch nachvollziehbar und ehrlich gesagt: Lieber zu vernünftig und dafür manchmal etwas kühl und reserviert als sich im schwärmerischen Feuer des Augenblicks der vollkommenen Irrationalität hinzugeben und danach vor einem Abgrund zu stehen. Doch ich glaube, wir müssen die Balance ein klein wenig in Richtung Herz verschieben.

Balance: Das scheint mir das richtige Stichwort. Balance zwischen Kopf und Herz, Verstand und Gefühl. Die Ambivalenzen zwischen Rationalem und Irrationalem auszuhalten, ist eine wichtige Fähigkeit, die Glaube uns schenken kann. Und auch Glaube muss im richtigen Verhältnis zu Zweifel, zu “Anfechtungen” stehen. Nicht zuletzt im Leben, im Beruf, im Alltag: Überall muss die Balance stimmen. Einseitige Betrachtungsweisen sind zwar ersteinmal immer leicht. Es ist eben einfacher, zu glauben, dass mit Vernunft alles erklärbar sei. Viel schwieriger ist es jedoch, die Lücken im Vernunft-System auszuhalten und im Vertrauen auf Gott Irrationales zuzulassen, ohne eine der beiden Seite zu verabsolutieren. Das führt im Endeffekt in eine Sackgasse. Ohne Balance läuft eben nichts. Das hat schon Blaise Pascal erkannt. ;-)

Gott, hilf mir, im Leben wie im Glauben die richtige Balance zu finden.
Gib mir den Mut, das zu hinterfragen, was richtig zu sein scheint.
Schenke mir die Kraft, das auszuhalten, was sich meinem Verstand entzieht.
Ich bitte dich: Sei bei mir, behüte mich, verhülle dein Angesicht nicht vor mir!

Zum Schluss noch ein kleines Stück Lyrik einer modernen Dichterin, das mir passend erscheint. Aus: Marie Graßhoff: Gedanken -verloren. Lyrik, Belletris-Verlag Frankfurt am Main 2008.

Sinfonie

Seit Jahren versuchen wir nun schon,
hinter die Wahrheit zu kommen:
wohl durchdacht, auf eigene Faust und mit viel Verstand.

Seit Jahren führen uns die Ergebnisse
nun schon in den Wahnsinn:
erscheinen sinnlos, unlogisch und unkorrekt.

Daher begannen wir, die Erkenntnisse zu verdrängen
und suchten nach neuen Wegen,
um das zu beweisen, was wir hören wollten.

Aber vielleicht sollten wir nicht immer wegsehen,
sondern auch zuhören und akzeptieren lernen.

Dann könnten wir sie vielleicht eines Tages entschlüsseln
… die Sinfonie des Lebens

Einen Gott, den “es gibt”, gibt es nicht.

Der eigentliche Grund, warum ich diesen Blog gestartet habe, war eine Diskussion auf einem anderen Blog zum Zitat von Dietrich Bonhoeffer:

Einen Gott, den “es gibt”, gibt es nicht.

Klingt erstmal komisch und ist natürlich für einen bestimmten Typ von Atheisten ein gefundenes Fressen, um Gläubigen und Theologen "scheinkomplexes Geschwafel" zu unterstellen. Klar. Einen Satz aus einer philosophisch-theologischen Habilitationsschrift herausbrechen, den Kontext ignorieren und dann Unsinnigkeit vorwerfen, so kennt man das Vorgehen ja schon bei den Steinbruch-Theologen der Bibel.

Aber zugegeben: Auch für Christen macht das Zitat erstmal keinen Sinn. Ein bisschen heller wird es dagegen, wenn man die Sätze drumherum liest. Deshalb will das Zitat mal ein wenig erweitern. Das Originial findet sich übrigens in D. Bonhoeffer: Akt und Sein (DBW 2), 94f. Auch zu finden in Ch. Gremmels / W. Huber: Dietrich Bonhoeffer Auswahl. Band 1. Universität, Pfarramt, Ökumene. 1927-1932, Gütersloh 2006, 69.

Die Seinsart der Offenbarung ist nur im Bezug der Personen bestimmbar. “Es gibt” nur Seiendes, Gegebenes. Es ist ein Widerspruch in sich, jenseits des Seienden ein “es gibt” auffinden zu wollen. Im sozialen Bezug der Person kommt der statische Seinsbegriff des “es gibt” in Bewegung. Einen Gott, den “es gibt”, gibt es nicht;  Gott “ist” im Personbezug, und das Sein ist sein Personsein.

So betrachtet, ist das ganze wohl nicht mehr ganz so scheinkomplex wie behauptet, sondern eher eine wohl durchdachte Seinsanalyse von Gottes Offenbarung im Kontext der Kirche. Deshalb sahen sich ein paar Theologen offenbar genötigt, für den armen Bonhoeffer Partei zu ergreifen und seine These zu verteidigen. Ich hab mich dann auch mal eingeklinkt und ein paar meiner Deutungsvorschläge angeboten. Die hatten zwar keinen Einfluss darauf, dass die genannten Atheisten irgendwie ins kritische Nachdenken kamen, aber ein paar zukünftige Pfarr-Kollegen fanden sie wohl gut genug, um sie in ihren Blog aufzunehmen. Danke Knuuut und Alexander Ebel! Deshalb jetzt noch mal mein Originial-Beitrag in voller Länge:

Um Bonhoeffer zu verstehen ist weit mehr nötig als drei, vier tweets. Eigentlich braucht es einen soliden background an philosophischen Positionen, um das Zitat angemessen deuten zu können. Man kann den genannten Ausspruch jetzt entweder epistemologisch, fundamentalontologisch oder religionsphilosophisch deuten.

Die epistemologische Lesart wäre: Einen Gott, den “es gibt”, gibt es nicht, denn die menschliche Erkenntnis von Gott kann immer nur fragmentarisch und zeitlich sein. Insofern gibt es kein abgeschlossenes Gottesbild in unserer Welt, das wirklich Gott voll entsprechen würde.

Fundamentalontologisch könnte man einwenden, dass eben bestimmte Dinge nicht einfach “sind”, sondern ihren Existenz eigentlich erst im Werden verwirklichen. Auch der Mensch “ist” nicht einfach, sondern befindet sich stets im Prozess seines Lebensvollzugs und kann sich wesentlich erst in Reflexion auf sein eigenes Werden bestimmen. So ist es auch mit Gott. Nach jüd.-christlicher Überlieferung nennt sich Gott selbst “Ich bin, der ich bin” oder “Ich werde sein, der ich sein werde” oder “Ich bin, der ich sein werde” (je nach Übersetzung). Diese Mehrdeutigkeit ist auch im Hebräischen vorhanden und damit vermutlich beabsichtigt. Gott selbst nennt sich also nicht irgendwie (”Ich bin Gott ABC”) und “ist” damit Gott ABC, sondern benennt sich als Sein und Werden selbst. Insofern gibt es einen Gott, den es gibt (”es gibt den Gott ABC, …”), gerade nicht, sondern Gott selbst ist. Man kann das ganze jetzt im Rahmen von Blochs Noch-Nicht-Seins-Ontologie lesen, aber das führt hier zu weit. Allgemein zum Thema kann ich Quines Aufsatz “Was es gibt” empfehlen.

Religionsphilosophisch kann man noch mit Tillich und Buber an die Sache rangehen: Gott “ist” nicht einfach, sondern immer nur im Bezug zum Menschen (Buber würde sagen: Im Grundwort Ich-Du). (Das überschneidet sich mit der Epistemologie:) Das heißt, dass es Gott immer nur für einen bestimmten Menschen in bestimmter Art und Weise zu einer bestimmten Zeit “geben” kann, aber niemals von Außen-/Beobachterperspektive, die als dritte in diese Beziehung hineinschaut. Das liegt an Gottes Wesen “das, was uns unbedingt angeht” (Tillich) zu sein. Gott als Urgrund des Seins kann uns nur unbedingt betreffen, niemals mittelbar (vgl. dazu Hegel).

Leider ist die Diskussion danach nicht ganz so fruchtbar gelaufen, wie erwartet. Wer will, kann ja das Original lesen. Ich hätte eben auf Bonhoeffer hören sollen. Der hat sowas nämlich vorausgesehen. Direkt im Anschluss an die Textstelle von oben schreibt er weiter:

Auch das freilich wird erst verständlich für den Menschen, der in die Wahrheit gestellt ist, dem durch die Person Christi der Andere zur echten Person geworden ist. Für den Menschen in der Unwahrheit bleibt Offenbarung, bleibt Person Seiendes, Ding, “es gibt”, demgegenüber es ein neutrales Verhalten gibt, das die Existenz d es Menschen nicht berührt. Erst in der Gemeinde selbst kann Offenbarung in ihrem eigentlichen existenzbezogenen Sein begriffen werden.

Verrückt, oder? Und da behaupten manche, es gäbe keine Propheten mehr…

Jetzt gehts los…

Vielleicht ist es sinnvoll, wenn ich anfange zu sammeln, was ich alles im Internet so zum Thema Gott, Glaube und Theologie interessantes lese und schreibe. Einfach so. Ganz nach Lust und Laune.

Wem’s gefällt, ist natürlich herzlich eingeladen, mitzulesen, -schreiben und -diskutieren!

Also: Bühne frei für diesunddas

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